„TREKHAAK GEZOCHT!“
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Tjerk und Peter angekuppelt von Utrecht nach Istanbul

von Claus Stille

Die zwei Niederländer in ihrem Wohnwagen auf dem Weg nach Istanbul

Photo/Quelle: Sebastian ter Burg via Flickr.com CC-Lizenz ,Some Rights Reserved

Es kann Ihnen momentan passieren, dass Sie irgendwo in Europa zwischen den Niederlanden und der Türkei auf zwei unternehmungslustige Herren aus Utrecht treffen. Die stehen dann am Straßenrand oder auf einem Rast- oder Parkplatz. Die beiden Niederländer heißen Tjerk Ridder und Peter Bijl.

Sie wollen trampen. Und so weiter kommen. Nicht nur geografisch gesehen. Von Mal zu Mal. Ihr Ziel ist einigermaßen ehrgeizig: Besuch der Kulturhauptstadt Istanbul. Aufgebrochen sind sie am 3. Februar

diesen Jahres in Utrecht. Nicht etwa mit dem PKW, sondern per Anhalter. Daran ist ja soweit nichts Außergewöhnliches. Höchstens die Tatsache, dass im Augenblick Winter, und nicht gerade Tramper-Hochsaison ist.

Extraordinär ist vielmehr die ausgefallene Idee von Tjerk und Peter, mit einem Wohnwagenanhänger von Utrecht nach Istanbul zu fahren. Der Clou – oder das Verhängnis an der Sache: Ein Campinghänger hat ja nun einmal von Hause aus kein Eigenantrieb.

Die beiden Niederländer benötigten also gleich vom Start ihrer Reise an stets immer wieder aufs Neue ein Zugfahrzeug mit Anhängerkupplung, dessen Lenker sich freundlicherweise bereit erklärt, das Gefährt für ein Stück des Weges nach Istanbul an den Haken zu nehmen.

Die auf einer pfiffigen Idee beruhende Unternehmung der Utrechter steht unter dem Motto „Trekhaak gezocht!“. Zu deutsch: Anhängerkupplung gesucht!

Bis jetzt sind Tjerk Ridder und Peter Bijl im wahrsten Sinne des Wortes immer gut gefahren. Stets stießen sie unterwegs nicht nur auf Neugierige und Verwunderte - was ihren antriebslosen Eriba-Wohnwagen, ihr Anliegen und das ferne Ziel ihrer Reise anbelangt - sondern immer auch auf verständnisvolle, ihnen wohlgesonnene und hilfsbereite Autofahrer, die sogar mit Freuden bereit waren, sie für ein Streckenteilstück an den Haken zu nehmen.

Wie auf der Internetseite der Tramper zu lesen, ist die Reise als „eine Metapher“ gedacht, „die buchstäblich zeigt, dass man im Leben andere Menschen braucht, um weiter zu kommen.“ Eine großartige Unternehmung in Zeiten eines kalten Neoliberalismus, der schnurstracks in eine Weltwirtschaftskrise geführt hat! Eines immer weniger gebändigten Raubtierkapitalismus, in der nur noch zählt, was sich rechnet und Profit bringt. In einer Welt, die anscheinend mehr und mehr, Staat für Staat, von dem perfide wirkenden Virus „Kleptokratie“ infiziert ist, zu deren Nutzen, welcher nur einer kleinen Clique zugute kommt, nahezu inzwischen ganze Gesellschaften und Regionen beherrscht und unbarmherzig ausgepresst werden.

Die Istanbul-Reisenden aber sind freilich im Sinne ihrer Idee in erster Linie darauf aus, unterwegs mit möglichst vielen unterschiedlichen Menschen in verschiedenen Regionen zusammenzutreffen. Dies muss sogar zwangsläufig geschehen. Ansonsten kämen sie ja nicht weiter. Nicht von der Stelle. Nicht auf der Straße und nicht im Leben. Was für ein genialer Einfall!

Fahrerinnen und Fahrern, die die Niederländer und ihren Eriba-Wohnanhänger weiter voranbringen werden nach ihren guten Vorsätzen gefragt. Die landen auf Zetteln in Konservendosen. Die Dosen werden mit einem Haltbarkeitsdatum markiert. Es ist jenes Datum, an welchen man das, was man sich vorgenommen hat, auch erreicht haben sollte.

Tjerk ist Musiker. Von den Begegnungen während der Tour erhofft er sich Inspirationen für ein Musikalbum. Lieder dieser CD oder DVD sollen unter anderen auf der Weltausstellung in Shanghai vorgestellt werden.

Auf moderne Kommunikationsmittel brauchen die beiden Reisenden unterwegs keineswegs zu verzichten. Laptop und Telefon sind mit an Bord. Beides, wie auch die Wohnwagenbeleuchtung, werden umweltfreundlich mittels auf dem Dach des Gefährt installierten Solarzellen betrieben.

Die Reiseroute der ungewöhnlichen Tramper orientiert sich entlang den Orten der diesjährigen europäischen Kulturhauptstädte. So besuchten die Niederländer nach Stopps in ihrer Heimat in Arnhem, Nijmwegen, Baarle, Venlo und Maastricht zunächst gleich Essen, die Kulturhauptstadt für das Ruhrgebiet. Dann ließen sie sich samt ihres Wagens u. a. in Bochum und Dortmund anhängen und abschleppen.

Mittlerweile kommen die zwei Abenteurer dem Bosporus immer näher. Sie haben Linz passiert und Station in Wien und Budapest gemacht.

Auch von Schnee und Eis ließen sich die Flachländer dabei nicht mürbe machen. Die Oberösterreichischen Nachrichten erfuhren von deren Reise-Philosophie: „Manchmal weißt du nicht mehr weiter. Aber wenn du einen Schritt tust, wird etwas geschehen – nur nicht das, was du erwartest. Das meint das englische Happening. Es steckt auch imWort für Glück, happiness.“

Am 7. Februar erreichten Tjerk Ridder und Peter Bijl die ungarische Kulturhauptstadt Pécs.

Bis jetzt haben die Beiden, so die einlaufenden Informationen, auf ihrer Tour unzählige wirklich gute Erfahrungen gemacht und jede Menge interessante und sich für ihre „Mission“ überdies interessierende, Menschen getroffen. „Die Eindrücke sind einfach überwältigend“, tat Peter Bijl den „OÖNachrichten.at“ begeistert kund.

Auf die wahrscheinlich in diesem Mai herauskommenden Songs und deren Texte, die sich hoffentlich reichlich aus den reichhaltigen, während der Tour gemachten Begegnungen speisen, dürfen wir also gespannt sein.

Ebenfalls darauf, welche Inspirationen wohl das großartige Istanbul zum Musikprojekt beisteuern wird.